fugenelementar

"Nichts ist leserlich zwischen diesen Zeilen."

Marie (Lina lügt)

linaLina lügt. Seit drei Wochen hat sie kaum einen wahren Satz mehr gesagt. Die erste Lüge war noch gar nicht richtig ausgewachsen, war nur eine kleine Ausrede. „Ich habe leider keine Zeit“, sagte sie, als ein Bekannter, ihr einen gemeinsamen Kaffee vorschlug. In Wahrheit hatte ihr der Sinn eher nach Kaffee mit anderen Menschen als dem Bekannten gestanden. Um ihr schlechtes Gewissen zu beruhigen, arrangierte sie die vorgeschobene Verabredung nachträglich. Aber auch den Freunden, die sie als Kaffeebegleitung auserkoren hatte, verriet sie nicht, wie es dazu gekommen war, dass sie diesen Tag und diese Uhrzeit vorgeschlagen hatte.

Dann lernte sie in einer Bar einen Mann kennen, der sie viel fragte und dem sie nichts erzählen wollte. Sie gab sich einen neuen Namen (Marie), einen Beruf, der nichts mit ihrem eigentlichen Job zu tun hatte (Grundschullehrerin), erfand Ansichten und Wünsche (Kommunismus und ein eigener Garten, trotzdem). Am Ende des Abends war der Mann in Marie verliebt und Lina erfand eine Telefonnummer.

Zu jeder Situation, in der Lina sich wiederfand, gab es einen Satz, der die Wahrheit beschrieb. Außerdem gab es jedoch unendlich viele Sätze, die von anderen Möglichkeiten erzählten. Nachdem Lina das herausgefunden hatte, an dem Abend in der Bar, konnte sie nicht mehr aufhören zu lügen. So viel vielfältiger war diese zusätzliche Welt, dass Lina innerhalb von ein paar Tagen all ihre wahren Worte gegen erfundene Geschichten austauschte. Sie gab einen falschen Namen am Telefon an, wenn die Firma anrief, bei der sie ihren Handyvertrag hatte. Sie traf sich mit dem Bekannten und redete über ein Ehrenamt, dass sie gar nicht hatte. Über einen Ort, an dem sie nur mal vorbei gefahren war, und über Leute, die sie nur vom Sehen kannte. Der Bekannte glaubte ihr alles, die Kollegen glaubten ihr alles, die Bäckerin, mit der sie am Abend einen kurzen Plausch hielt, glaubte ihr alles.

Die offensichtliche Gefahr bestand wohl darin, sich in all den Lügen zu verstricken. Aber Lina merkte sich jede Geschichte, die sie erwähnte, konnte immer Angaben zu Zeiten und Schauplätzen ihres Theaters machen. Das zu wissen, war die erste Spielregel. Die zweite war, dass alle Lügen im Bereich des Möglichen liegen mussten. Eine Raketenfahrt als Astronautin war unglaubwürdig, ein Segelflugzeugführerschein wäre denkbar. Am meisten Spaß machten ihr allerdings ohnehin die ganz kleinen Lügen: Wenn jemand sie fragte, was sie am Abend gekocht hatte und sie „Spinat-Lasagne“ statt Kürbissuppe antwortete. Die Antworten waren so austauschbar, dass sie – so erdacht, wie sie waren – jede Frage unbedeutend machten. Was für einen Unterschied machte es für irgendeinen Mann in irgendeiner Bar, ob sie schon einmal in Spanien gewesen war oder nicht. Ob sie schon das neue Café ausprobiert hatte. Ob sie lieber Katzen oder Hunde oder Zwergkaninchen mochte. Die einzig wichtige Frage, nämlich, ob sie sich langweilte, stellte ihr sowieso nie jemand.

Advertisements

Dreißig Minuten (Embargo)

Winterweg_2
Mittlerweile war ich mir wie ein Betrüger vorgekommen. Wenn ich davon geredet habe, dass ich schreiben würde. Wenn ich das Schreiben als großen Sinn betrachtet habe, ohne ihm eine Priorität in meinem Leben einzuräumen. Wenn ich immer noch dachte, ich wäre jemand, der schreibt, und dabei doch nur auf den Moment wartete, in dem mich die Kreativität mit einer Wucht treffen würde, die mich festhielt, bis der letzte Satz geschrieben worden war.

Ich hatte das Schreiben nie als Arbeit wahrgenommen. Ich hatte es einfach getan, immer, aus dem eigenen und aus anderen Leben erzählt (meistens letzteres), seit ich alle Buchstaben schreiben konnte. Irgendwann ist es mir verloren gegangen. Ich wollte etwas sagen und hatte keine Worte mehr. Angestaubt und zerkaut war alles, was noch da war. Momente und Bilder, die ich bewahren wollte, die jedoch verflogen, bevor ich sie in Worte packen konnte.

Je mehr Zeit verging, so ohne die richtigen Sätze, desto weniger konnte ich mich daran erinnern, woher sie früher gekommen waren. Das war keine Schreibblockade. Das war ein Embargo. Kein Import von Einfällen, kein Export von Produktion.

Vorerst schreibe ich nicht mehr hier. Ich sammle die Fugenelemente jetzt wieder im alten Notizbuch oder in getippten Dokumenten. Nehme mir jeden Tag wenigstens 30 Minuten dafür. Arbeite nicht an Perfektion, sondern nur am Prozess. Das Schreiben und ich, wir gewöhnen uns wieder aneinander.

Irgendwann wird es wieder etwas zu lesen geben. Vielleicht hier, vielleicht auf Papier, vielleicht in einer Art, die sich nicht reimt.

Hast du Socken eingepackt?

Ob ich schwanger sei, fragt der Arzt, der die Ursache meiner Bauchschmerzen herauszufinden versucht. Routinefragen, immer gleich, immer wieder da in solchen Situationen. Medikamente? Die letzte Periode? Schwanger, nicht schwanger? Ich rechne zur Sicherheit einmal durch, bevor ich nein sage. Routinerechnerei. Zyklus. Sex. Vergesslichkeit als Variable dazu. Unnötig, diese Rechnung. Läuft dennoch automatisch durch.

Der Arzt tippt auf einer Tastatur herum, dreht sich dann noch einmal zu mir um. Fragt: „Aber hast du jemanden?“

Hast du jemanden. Als müsste da jemand sein. Als täte sich ein Abgrund voll Traurigkeit auf, wenn ich wieder nein sagen würde. Wenn da niemand wäre, der mir später über den Kopf streicheln könnte. Hast du jemanden. Wie ein notwendiger Besitz. Wie: Hast du Socken eingepackt.
Gleichzeitig viel mehr als eingepackte Socken. Nicht: Hast du einen Freund, einen Mann, eine Beziehung? Jemanden. Eine Stütze, ein Begleiter. Meinen Sie so etwas, Herr Doktor?

Er scheint beruhigt zu sein, als ich ja sage. Nickt, dreht sich wieder um und tippt weiter.

Hannah mit schwerem Kopf

CIMG1683_blog
An manchen Tagen war Hannahs Kopf schlichtweg zu schwer, um gerade zu gehen oder aufrecht zu sitzen. Er sank dann in Richtung ihrer Füße, als wollte er, dass sie sich einrollte. Dass sie die Knie umfasste und yogamattengleich nachgab. Dass sie endlich nachgab.

Sie konnte ihre Augen nicht mehr auf die Tafel zwingen, war von Kreidestaub umgeben und von Wörterbrei. Von Papier, Papier, Papier. Die Nasenspitze wurde von der Seitenzahl links unten angezogen, die Stirn von einem I-Punkt gerufen. Hannah versuchte sich zu wehren, stützte sich mit rauen Handflächen ab, raffte die trüben Schultern und stürzte schließlich doch auf Linoleum und alten Dreck zu.

Sie läuft jetzt ein bisschen komisch. Den Kopf ganz nah am Boden, die Füße noch einigermaßen fest daneben. „Mama, was ist mit der Frau da?“, fragt ein Kind, das auf Hannah zeigt. „Schau da nicht so hin“, sagt Mama von weit oben. Hannah hätte nicht gedacht, dass sie noch so flexibel sein würde. So lange sie ab und an das Ohr wechselt, das zum Gehweg hin lauscht, tut nicht einmal ihr Rücken noch weh.

Zugegeben, wenn sie an einer Ampel wartet oder eine Tür aufschließen muss, braucht sie noch Hilfe. Ein Kopf, der eine Tonne wiegt, macht es den Armen schwer, wenn sie nach oben greifen wollen. Meistens kommt aber jemand, drückt für sie einen Knopf oder eine Türklinke, versucht keine großen Augen zu machen und ein bisschen zu lächeln. Vielleicht hat derjenige auch Verständnis für Hannah. Vielleicht hat auch er manchmal einen schweren Kopf.

Hannah lacht noch genauso viel oder wenig wie vorher. Wenn sie etwas zu sagen hat, sucht sie sich immer noch jemanden, der zuhört. Wenn sie Wind um sich herum braucht, schleicht sie sich an die Luft. Alles wie gehabt. Nur: Wenn sie endlich schlafen darf, ist der Abstand zum Kissen nicht mehr so weit.

Meta (Sie alle sind da und sie schaffen es auch sich die Zeit irgendwie zu vertreiben.)

Sarah trinkt Wein vor dem Laptop. Stößt mit jemandem über Skype an, sagt dabei „Für immer die Menschen“. Die Stimmen ruckeln, die Verbindung ist schlecht.

Ludwig geht heute früh nach Hause. Vielleicht weil er immer noch wütend ist. Vielleicht aber ist er auch einfach nur müde.

Teresa redet wieder über Paul Auster. Noch ist nicht alles gesagt. Noch ist nicht einmal alles gedacht.

Roman rechnet sich aus, wie lange er arbeiten muss, um seine Miete bezahlen zu können. Er bekommt jetzt Mindestlohn.

Klara listet Alltagsdinge auf, die sie nicht leiden kann. Wiederkehrende Erledigungen. „Wäsche aufhängen, Zähne putzen, Betten beziehen“, zählt sie an den Fingern ab und ist noch lange nicht fertig.

Hilde sieht zu, wie die Zeit vergeht. Vor einem halben Jahr: ein anderer Mann, noch die alte Adresse. Vier Kilo mehr auf den Hüften. Zwei Tonnen weniger auf den Schultern.

Max klaut ein Fahrrad, um einmal auf der anderen Seite zu stehen.

Ronja kommt erst morgens nach Hause. Felix war lange nicht da.

Jan will heute noch tanzen gehen.

Und ich, ich schreibe kein Wort.

Käse, Brot, Tomaten, Wut

Tb12_blog

Immer wieder Fotos ankucken, Fotos von Orten, an denen wir trotz allem kein zweites Mal waren. Vielleicht genügt es ein Mal auf den Tafelberg gewandert zu sein, ihn ein Mal als den langen Weg von Schmerz und Schweiß bezeichnet zu haben. Vielleicht war es genug drei Mal im Haus am Meer aufzuwachen und Salz- und Zimtgeruch bei sich zu haben. Vielleicht sind alle Worte gefallen und neue können nur vom Boden aufgesammelt werden. Und du mit deinem kaputten Rücken willst dich doch sicher nicht bücken, willst doch bestimmt nicht so schwer heben. Oder?

Immer wieder stumm werden. Nicht noch mehr Müll in die Welt bringen. Kein Plastik, kein Kompost. Schade, dass wir nur mit Worten gut umgehen können —  stecken doch schon zu viele im Raum und machen uns taub. Immer noch mehr Sätze, noch mehr Fragen, noch mehr Geschrei.

Immer wieder schlaflos sein. Aufgeputscht von all den Aufgaben, Abgaben, etwas drauf haben, etwas eingraben. Die Müdigkeit nur vertröstet, verführt höchstens für zehn Minuten, dann ein neuer Versuch einen Termin einzuhalten, einen Haken zu setzen.

Immer wieder Milch einkaufen. Ständig die Packung im Kühlschrank schütteln und abwägen. Immer wieder Käse, Brot, Tomaten. Immer wieder zu viel im Bauch haben. Käse, Brot, Tomaten, Wut.

Immer wieder dieselbe Geschichte erzählen. Immer wieder sicher gehen, dass alle Bescheid wissen. Bericht erstatten. Morgens Albträume bestatten, die Decke noch über dem Kopf. Das und das und das ist passiert. Das und das und das wolltest du nicht. Immer wieder nachsehen, wo du geblieben bist. Immer wieder Nachsicht.

Sommerhaus, nie

Ich träume noch immer vom Sommerhaus. Bin wie in einer Geschichte von Judith Hermann, nur dass unser Sommerhaus nicht das Landidyll der jungen Großstädter ist, sondern eher eine Ferienliebe. Aus einem Urlaub, den es nie gegeben hat.

Ob wir nur ein paar Tage oder ganze Wochen da sind, wissen wir in meiner Vorstellung nicht. Zeit, egal. Nur genug Wärme zum Barfußlaufen, ein See in der Nähe und ein Wald mit Füchsen, die sich vor uns verstecken, denen wir aber gut zureden. Ich bin immer vor den anderen wach, koche Kaffee und warte dann mit der ersten Tasse auf der Veranda. Wir verbringen die Tage mit nichts, lesen Bukowski und Hesse, lesen uns vor, schließen die Augen, wenn wir mal nur zuhören sollen. Laufen über Gras und Sand und schneiden uns Pflaster zurecht, wenn doch mal eine Scherbe unter die Fußsohlen geraten ist. Kochen immer wieder Nudeln mit Tomaten aus dem Garten und haben einen Vorrat an Wein und Bier im Kühlschrank, der niemals zur Neige geht. Dazwischen schreiben wir ein paar Zeilen, einer zeichnet endlich wieder, einer rennt um den See. Am Abend kühlen wir unsere Köpfe mit einem letzten Zug durch das Wasser, sitzen dann zusammen und reden über das Glück, das einer von uns vor einer Weile verloren zu haben glaubt. Wir könnten Pfeile auf den Boden malen, um ihn sicher zurück zu führen.
Später lehne ich mich an einer Schulter an. Jemand hält meine Hand ohne darüber ein Wort oder gar einen Satz zu verlieren.

Das alles ist nie passiert. Was kam schon dazwischen? Ein paar Prüfungen, ein, zwei neue Lieben, die Arbeit, natürlich. Dann ohnehin nur ein verregneter Sommer, ein Aufschieben, ein Abschied. Sommerhaus, vielleicht später. Sommerhaus, nie.

Geht noch

CIMG1398_blog
Dicke Socken in dünnen Schuhen. Geht noch. Handschuhe beim Fahrradfahren und Ohrenschmerzen, aber darüber schweigen wir. Bloß dem Winter noch nicht die Hand reichen. Bloß noch nicht nachgeben. Da ist noch zu viel, was wir nicht getan haben, wir sind noch nicht bereit für besinnlichen Schlaf, für Ruhe und Plätzchenteigzufriedenheit.

Es friert noch nicht, höchstens heimlich zwischen vier und fünf Uhr morgens. Trotzdem wird das Eis unter uns dünner, trägt uns vielleicht nur noch eine kurze Weile. Vielleicht schaffen wir es noch ans andere Ufer, ins neue Jahr, zum nächsten Zug. Wir hören es knacken und schlittern ohne großen Schwung ein paar Meter weiter. Ich drücke deine Hand, das ist alles.

Ein Anruf in der Nacht. Zwei, die in getrennten Betten liegen und in Müdigkeit lächeln.

Justus

fröhlich

Justus lebt zeitversetzt. Um eine Woche, vielleicht auch acht Tage, hinkt er hinterher. In seiner Welt steckt er nicht schon in der Mitte des Monats, für ihn ist gerade einmal etwas mehr als Anfang November. Er hat sich das nicht ausgesucht. Einfach so ergeben hat es sich.

Unter einem Berg von Aufgaben hatte er sich tot gestellt. War liegen geblieben, ist nicht mehr ans Telefon gegangen, hat nicht mal eine Kurznachricht verschickt. Hat nur noch geblinzelt und geatmet, so flach, dass es niemand bemerken konnte. Nach einer Weile drückten die Aufgaben so auf seinem Körper herum, dass es Justus in den Kniekehlen juckte. Das Kratzen darauf war das Ende des Endes.

Er musste seine Schultern kreisen und Knochen knacken lassen, damit er wieder gehen konnte, wie es sich für einen Mann seines Alters gehört. Sein Aufgabenberg war noch immer da, nur jetzt eben zu Brocken im Zimmer verteilt. Justus musste genau an dem Punkt weiter zu machen, an dem er sich zuvor hingelegt hatte. Weil ihm zu einem Kampf gegen die Zeit aber die Lust fehlte – sich in den Kniekehlen zu kratzen und zu strecken ist schließlich auch kein großer Triumph über die Lethargie –, beschloss er die vergangenen Kalendertage, die verpassten Termine zu ignorieren und nach den Stunden zu greifen, die er brauchte, um aus seinem 14m² großen Katastrophengebiet eine Rehabilitationszone zu machen.

Er ist also nicht schneller geworden, er erledigt alles genau so, wie er es sieben oder acht Tage zuvor hätte erledigen sollen. Er gibt einen Aufsatz ab, bringt Bücher zur Bibliothek, ruft seine Großmutter an, geht zum Zahnarzt, bringt den Müll runter, kauft Gemüse ein. Ab und an kommt es vor, dass jemand „Aber das war doch letzte Woche“ zu ihm sagt, aber nach einem kurzen Moment des Augenbrauenzusammenkneifens und Kopfschüttelns geht es den meisten Leuten erstaunlich gut mit Justus‘ Zeitrechnung. Letzte Woche oder heute, was kümmert’s die beschäftigten Leute.

Flüchtig III

Jemand kennt seinen Namen, jemand weiß, wo er wohnt. Jemand hat ihn nach einer Nachtwanderung durch die Stadt nach Hause gebracht und jedes seiner Geheimnisse erraten.

So vorsichtig er auch war, er ist nicht allein geblieben. Er hat mit den Leuten gesprochen, wenn er musste, ist höflich gewesen, hat „schönen Tag noch“ gewünscht und „danke“ gesagt. Er hat ein Mädchen nach Feuer gefragt, an einer Straßenbahnhaltestelle, und sich von ihr seinen Tabak anzünden lassen. Nur „Entschuldigung, hast du vielleicht Feuer?“ und „danke sehr“. Mehr nicht.

Drei Stunden später war sie noch immer bei ihm.
Nach drei Tagen erfuhr sie, wie er hieß.

Sie hätte gut weiterhin mit Kosenamen für ihn leben können. Sie sprach ihn mit „du Fragezeichen“ oder „Herr Schmidt“ an, oder mit „Herzchen“, wenn sie seine Geheimniskrämerei albern fand. Sie sagte „der Raucher“, wenn sie von ihm erzählte. Wozu muss man schon einen Namen kennen? Am dritten Tag aber klingelte der Postbote und brachte einen zerknitterten Umschlag. Sie las die Anschrift darauf nur zufällig und schwieg darüber.

Jemand hatte ihm seine Schreibhefte nachgeschickt. Er schob sie zurück in den Umschlag, nachdem er einen Blick hineingeworfen hatte, und legte sie auf den Küchentisch. Die Zigarette zu drehen dauerte diesmal lang, vielleicht nur deshalb, weil er seine Finger nicht ansah.

„Die ist schon längst gut“, bemerkte das Mädchen, das im Türrahmen stand.

Alles war wieder da. Alle Szenen, die er nicht mehr hatte mitnehmen wollen, jedes Wort, das er verloren hatte. Alles war da, obwohl er niemandem gesagt hatte, wohin er gehen würde, obwohl er noch nicht einmal Bescheid gesagt hatte, dass er gehen würde. Obwohl er hier so wenig wie möglich sprach, obwohl er alles tat, um sich nicht wieder verabschieden zu müssen. Selbst das Mädchen in seiner Küche hatte sich seine lächerliche Fluchtgeschichte nur zusammengereimt. Erzählt hatte er nichts.

Jemand wusste dennoch, wo er wohnte. Trotz des Rennens und Schleichens und Schweigens.

Er sah das Mädchen an, das sich nicht mit seinen Rätseln abschütteln ließ und nach den stillen Wochen zuvor für ihn der erste angenehme Grund zum Reden war. „Kannst du mir nochmal Feuer geben?“, fragte er.